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Beitrag

Werkeinführung für Martin Grobecker

  • Autorenbild: Arne K. Fischer
    Arne K. Fischer
  • 13. März
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 24. März

Zur Ausstellung: "THE UNFRIENDLY GHOST"

im Kwartier NORD e.V. in Hannover vom 13.02.2026–04.04.2026


Da ich des Öfteren nach meinen Vorträgen gefragt werde, veröffentliche ich hier meine vorab schriftlich verfasste Rede.


Im Atelier von Martin Grobecker - Studio Akkord / Werke: M. Grobecker / Foto: AKF
Im Atelier von Martin Grobecker - Studio Akkord / Werke: M. Grobecker / Foto: AKF

A – Einführung und Kontext [19:00–19:02]


"Guten Abend zusammen,


vielen Dank an das Team vom Quartier Nord und Martin, für die Einladung, dass ich in diesen Rahmen sprechen darf. Ich bin (Arne Fischer) Kunst- & Kulturwissenschaftler, Dozent, Lehrer und jemand der Martin seit vielen Jahren kennt.


Wir haben zusammen viel Zeit in der Galerie BOHAI am Schwarzen Bär in Linden verbracht und unter anderem für andere Künstlerinn*en gemeinsam Ausstellungen zur Druckgrafik vorbereitet. Kennengelernt haben wir uns im typischen Aufbau-Chaos. Martin hatte nach einer Ausstellung mit seinem damaligen Kollektiv Studio AkkordLust bei uns mitzugestalten und Workshops in Druckgrafik zu geben. … mehr zu seinem Werdegang als Designer findet sich auf seiner Webseite.


Das Kennenlernen war eins mit diesen typischen Momenten, in denen man gegenseitig versucht festzustellen, ob jemand wirklich weiß, was er da tut – oder nur so tut als ob. 

Erfahrungslernen in der Praxis: Wie wird eine Druck-Platte behandelt? Wie wird Farbe aufgetragen? Was ist zu tun, wenn etwas nicht klappt? Wo ist die gemeinsame Ebene?  


Also alles das, was es auch diesmal brauchte, um die eigene Werkschau vorzubereiten. Ich freue mich diese wunderbar ausgearbeiteten Werke hier zu sehen.


B – Pseudonym und Selbstbeschreibung [19:02–19:04]


Das Quartier Nord hat vermutlich ähnlich wie ich einen Text von Carsten Sauer erhalten, der über Martins Werke und seine Arbeitsweise schreibt.

Ich habe diesen Text gelesen und dachte:

Das ist sehr präzise. Sehr nah dran. Sehr reflektiert.


Mir gefiel sogar wie der geschrieben ist - und das passiert selten. Mein erster Impuls war tatsächlich: Was soll ich da noch hinzufügen?


Martin freute sich und sagte mir -was ich wirklich nicht wusste- dass Carsten Sauer sein Pseudonym ist und dass er sich beim schrieben an meinen früheren Texten orientiert hat.


Was ich daran so oder so bemerkenswert finde ist - ein Künstler, der es schafft über sich selbst in der dritten Person zu schreiben, mit analytischem Abstand, mit Klarheit, ohne abzudriften – das ist eine seltene Qualität.

Eine Form von Selbstreflexion, für die sich andere häufig die Perspektive von außen wünschen. Und genau diese Fähigkeit, das eigene Tun mit Distanz zu betrachten, findet sich auch in den Arbeiten wieder.


© Werke von Martin Grobecker während Vorbereitung der Ausstellung | Foto: AKF
© Werke von Martin Grobecker während Vorbereitung der Ausstellung | Foto: AKF

C – Atelier und Druckpraxis [19:04–19:05]


Vor ein paar Wochen war ich mit Irving bei Martin im Atelier in der Schulenburger Landstraße. Wir wollten organisatorische Dinge klären – aber insgeheim wollten wir natürlich vor allem Martin beim arbeiten zusehen.

Er hat uns einen Druck vorgeführt, der wunderbar gelungen ist. -> Druck mit Kröte


Was im Moment der Veröffentlichung leicht vergessen wird: So etwas klappt nicht selbstverständlich beim ersten Versuch. Druckgrafik hat keinen machs-Rückgängig-Button. Die meisten von uns sind es inzwischen gewohnt: Varianten zu speichern, Versionen anzulegen, etwas rückgängig zu machen.


Wenn im Druck eine Farbschicht verschmiert, bleibt das so. Wenn das Papier verrutscht, ist es verbraucht. Material ist endlich. Bei limitierten Editionen bzw. bestimmten Druck-Arten werden die einzeln hierfür angefertigten Platten danach ewig aufgehoben oder aus Platzmangel irgendwann zerstört. Das ist kein Marketing-Gag, das ist Handwerk, aus dem sich eine grafische Vorgehensweise und darüber hinaus ein künstlerischer Ethos entwickelt hat.


Auch braucht diese analoge Technik Frustrationstoleranz. Geduld. Wiederholung. Und die Bereitschaft, grafische Fläche nicht nur anzulegen, sondern durchzuarbeiten, jeden Quadratzentimeter zu überprüfen, Schicht für Schicht, mit der Möglichkeit, dass es manchmal nicht perfekt wird – oder eine Lösung braucht um trotzdem weiter zu machen.


D – Alf und persönliche Irritation [19:06–19:11]


Jetzt komme ich zu etwas, das auf den ersten Blick völlig woanders liegt – aber für mich direkt mit den hier gezeigten Werken zusammenhängt und uns hier her geführt hat: Das Plakat bzw. der Druck mit Alf.


Ich sage es ganz offen: Ich finde dieses Plakat schwer auszuhalten. Es ist scheußlich, im besten Sinne. Es springt einen mit einer ätzenden Verwirrung an. Allein schon Alf, ich meine, come on, das Konzept dieses Typs ey ... und daneben ein umgedrehter komischer aber irgendwie Normalo-Kopf – zwei dominante Motive, die um geteilte Aufmerksamkeit kämpfen. Keine klare Ruhe. Keine eindeutige Lesart. Eher ein leicht aggressives: Hier bin ich. Und jetzt komm damit klar. Na, vielen Dank.


Alf war für mich als Kind kein sympathisches Wesen. Dieses komische kneten-Kuch-förmige Ding von Melmac (boah, diese Namen nur schon) und diese amerikanische Sitcom-Ästhetik mit eingespieltem Gelächter ... ich hatte das nur mal beiläufig irgendwo gesehen, auf Kassette gehört und irgendwo gabs dann später noch ein Kino-Filmplakat dazu ... gruuselig … ich konnte das nicht gut einordnen, wir hatten ja kein Kabel-Fernsehen, das gabs nur bei den Großeltern. Ich mochte es einfach nicht. Es war mir zu künstlich, zu fern. Und meine Großeltern – schenkten mir dann: ein Alf-Malbuch.


© M. Grobecker | Foto: AKF
© M. Grobecker | Foto: AKF

Ich schlug dieses Buch auf und war irritiert. Ich war circa sieben. Alf knutschte fest umschlungen mit einer Freundin. Auf einem anderen wurde er mit einer Waffe bedroht und lachte darüber. Gleichzeitig hatte ich das Gefühl, ich müsste das ordentlich ausmalen.


Die Filzstifte waren zu kräftig. Die Farben knallten. Ich malte ungeduldig über die Linien. Die Kontur wollte mich permanent korrigieren. Meine Frustrationstoleranz gegenüber den Grundzeichnungen war ziemlich schnell erschöpft. Das Buch hatte so viele Seiten - mit so vielen komischen Motiven aus der Science-Fiction oder irgendwas das mir zu fern war - es machte einfach keinen Spaß. Es war Überforderung und das Ergebnis sah nicht so aus, dass ich damit zufrieden sein konnte. Zudem drohte auch noch die Überprüfung von den Großeltern ob ich etwas gutes aus dem tollen Geschenk gemacht hatte (o.O)


Und genau dieses Gefühl taucht beim Blick auf dieses Plakat wieder auf. Dieses Unbehagen, dieses - Was soll das?! Dieses leicht Aggressiv-Werden im Kopf.


E – Meta-Ebene und Handwerk [19:11–19:12]


Warum erzähle ich das? Nicht, um meine Kindheit aufzuarbeiten. Sondern um die Meta-Ebene zugänglich zu machen.


Wo ich damals an der Farbfläche gescheitert bin, arbeitet Martin sich durch sie hindurch: Technisch und inhaltlich - konzeptuell und abwegig - verfolgt er irgend ein Ziel. Ein sauberer Farbverlauf in der Druckgrafik ist nicht selbstverständlich. Wo ich als Kind gescheitert bin, arbeiten sich versierte Künstler hindurch. Ein Farbverlauf braucht Können. 


Wo ich aus der Kontur gerutscht wäre, hat Martin sie händisch angelegt, sie bewusst gebrochen oder den Zufall eingearbeitet, ein Ergebnis von Ausdauer. Eine präzise gesetzte Linie entsteht nicht aus Versehen.

Klar, alle nutzen hilfreiche Tools, aber zuerst braucht es eine grundsätzliche Idee, eine Richtung und ein Gesamtkonzept. Wenn sich an manchen Stellen digitale und analoge Technik vermischt, hat sich das natürlich entwickelt und als sinnvoll erwiesen. 

Wo beides drin steckt, lässt sich, wenn überhaupt - nur mit viel Erfahrung oder mit ganz genauen Nachfragen und Beobachtungen herausfinden. Aber wozu? 


Vielleicht haben einige von euch ähnliche, aber ganz eigene albtraumhafte Erinnerungen bei den hier zu sehenden Figuren und grafischen Andeutungen. Situationen der eigenen Weltwahrnehmung, die damals wie heute schwer einzuordnen sind. Martins Entwürfe verarbeiten einen Teil unseres kollektiven Gedächtnisses. Das wahrzunehmen reicht.


F – Dominante Motive und kippende Assoziationen [19:12–19:12]


Wenn wir auf das Alf-Plakat oder auf viele der hier gezeigten Arbeiten blicken, sehen wir häufig EIN dominantes Motiv. Alf, einen Panda oder eine klar zu erkennende Figur. Unser Gehirn liebt solche Anker. Es denkt sofort: Ach ja, Panda klar lesbar – Artenschutz, WWF, bedroht. Außerdem brüllt uns dieser gar nicht so niedliche Bär an und trägt ein Pentagramm. Dabei erinnert die natürliche Farbgebung des Fells an aus der Metal-Ästhetik entlehntes Corpse-Painting was im Gesamteindruck zu einer Dissonanz wird: So, dass die Assoziation im selben Moment kippt in der sie aufgestellt wird. 

Wir stellen gleichzeitig fest: Diese Subkulturen sind längst Teil der Popkultur geworden, während wir auch damit beschäftigt sind uns zu fragen, ob es Eukalyptus oder Bambus war, was die Bärchen da in sich reinstopfen. Unsere Gedanken beginnen zu kreisen.


© M. Grobecker | Foto: AKF
© M. Grobecker | Foto: AKF

G – Erdbeere, Natur und Störung [19:13–19:15]


Wenn wir die Arbeit mit der Erdbeere anschauen, wird das besonders deutlich.


Auf den ersten Blick sehen wir eine Frucht, die stark an flämische Stillleben erinnert. Das verweist ganz klar auf eine kunsthistorische Tradition ... die im Kern naturalistisch funktioniert … obwohl auch dort öfters gemogelt wurde. Die Schnecke unten rechts ist sehr naturalistisch gezeichnet, diese Sorgfalt ihre Haut darzustellen, sie überzeugt einfach ... auch wenn ich grade jetzt nicht beschwören kann, dass Weinberg-Schnecken -genau so- aussehen. Zumindest die Erdbeerpflanze verteilt sich gefühlt so über den flachen Hintergrund des Bildraums, wie sich ihre Ranken auf einem dunklen Beet ausbilden – organisch, nachvollziehbar, botanisch beinahe korrekt.


Die Ausläufer nehmen Raum ein, wie sie es in einem Beet tun würden. Das ist nicht dekorativ gesetzt, sondern strukturell und grundlegend für die Wirkung des Bildes gedacht. Gleichzeitig bleibt es nicht bei diesem kunsthistorischen Zitat. Denn in der Mitte sitzt dieses störende Gesicht. Allerdings ist es kein klassisches Symbol mit Botschaft. 


Es gibt keine klar codierte Bedeutung der Erdbeere, die uns zugänglich ist, es geht auch nicht um die Diskussion der Frucht als Beere oder als Gattung der in der Kategorie Nuss. Sondern etwas deutlich Unangenehmeres. Etwas, das das Schöne im Bild unterbricht:Ohne dieses Gesicht in der Mitte hätten wir eigentlich ein Stillleben. So entsteht ein Nebeneinander von Natur, Historienmalerei, Popkultur – und einem klaren „Blegh". 


Es wird nichts aufgelöst. Keine eindeutige Allegorie angeboten. Sondern wir stehen vor Versatzstücken, die zusammen eine Wirkung entfalten – und uns zwingen, diese Spannung auszuhalten.


H – Schluss und Einladung [19:15–19:15]


Mit dem Blick auf die Bilder ist dies natürlich auch eine Einladung zu diesem Abend: Sich beim Blick auf die Bilder nicht sofort festzulegen. Sondern hinzuschauen. Fragen zu stellen. Ins Gespräch kommen. Martin ist hier - mir können auch Fragen gestellt werden … sich mit unbekannten Menschen zu streiten kann auch Spaß machen ... Fragen stellen und freundlich antworten ist meistens gut.


Martin, du hattest viel zu tun in den letzten Wochen. Aufbau bedeutet viel Arbeit, Entscheidungen unter Zeitdruck. Umso schöner, dass wir heute hier stehen und das alles sehen können. Ich finde, dafür ist ein Applaus absolut gerechtfertigt.


Und wenn du möchtest, gehört das letzte Wort natürlich dir."


© M. Grobecker | Foto: AKF
© M. Grobecker | Foto: AKF








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