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Werkeinführung für Arthur Kraftschik

  • Autorenbild: Arne K. Fischer
    Arne K. Fischer
  • 16. Mai 2025
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 8. Apr.


Anlässlich der Vernissage zur Ausstellung "Als die Tiere den Wald verließen" am Donnerstag den 15. Mai 2025, 18.00 Uhr in der Landesmusikakademie Niedersachsen in Wolfenbüttel.


Hängung in der Landesmusikakademie Wolfenbüttel | Werk & Foto: Arthur Kraftschik
Hängung in der Landesmusikakademie Wolfenbüttel | Werk & Foto: Arthur Kraftschik


"Ich grüße Sie und freue mich, hier vor Ihnen und für das Werk von Arthur Kraftschik sprechen zu dürfen. Meiner Vorstellung möchte ich noch kurz hinzufügen: Dozent für interdisziplinäre Theorie an der Hochschule Hannover, Fakultät für Design, Kunstlehrer und Vereinsvorsitzender des Galerie BOHAI e.V. in Hannover. Kunstvermittlung ist für mich eine Herzensangelegenheit, sie sollte immer wertschätzend und zugleich kritisch sein. Eine präzise Einordnung in den zeitgenössischen Diskurs werde ich Ihnen heute nicht geben. Mein Zugang zur Kunst ist stark von der unmittelbaren Werkbetrachtung und den persönlichen Werten der Kunstschaffenden geprägt.


Arthur habe ich zu unserer gemeinsamen Zeit an der Kunsthochschule in Braunschweig nur beiläufig kennengelernt, dafür aber als ausgesprochen enthusiastischen Künstler wahrgenommen, der im Herbst 2019 unsere medienübergreifende Gaming-Ausstellung „Unframed World“ mit bespielt hat. An einem Tag des Aufbaus schob er zur Begrüßung ein riesengroßes Gemälde in den Raum und montierte es kurzerhand an der Wand. Währenddessen erzählte er begeistert von den Inhalten des Bildes, und wir merkten, wie anschlussfähig es zu den anderen Exponaten war, er meinte, irgendwo müsste noch etwas ausgebessert werden. Nach kurzer Zeit war er mit allem fertig und verabschiedete sich fröhlich bis zur Vernissage.


Auf dem Gemälde gab es so viel zu entdecken, dass mir die kleinen Schrammen gar nicht auffielen. Toll war das – ein wandfüllendes buntes Bild, das multimedial verwirrend wirkte, mit einem Hauch von kapitalistischer Renitenz, nah am kulturwissenschaftlichen Blick der Cultural Studies auf Gaming-Kultur, so habe ich es damals eingeordnet. Seitdem habe ich mich gefragt, was sein künstlerisches Schaffen eigentlich ausmacht.


Kunst, die zu anschlussfähig für allmögliche Assoziationen ist, hat oft das Problem, das auch Pop und Mainstream mit sich bringen. Ein „Anything goes“, also die Vorstellung, dass alles irgendwie zusammenpasst. Wenn die kunstschaffende Person sicher mit Collage-Techniken umgehen kann und diese mit fröhlicher Leichtigkeit präsentiert, läuft die Aussage Gefahr eine beliebig begründbare Gefälligkeit zu erzeugen. Wollen wir doch mal sehen, ob bei der nun folgenden Belastungsprobe ein für Sie langweiliges oder spannendes Ergebnis heraus kommt.


AKF @ Landesmusikakademie Wolfenbüttel | Foto: Martin Hoffmann
AKF @ Landesmusikakademie Wolfenbüttel | Foto: Martin Hoffmann

Erste von 3 Perspektiven – „biographisch-erzählend“


Die hier und heute ausgestellten Werke folgen dem inhärenten Gestus des Ausstellungstitels: „Als die Tiere den Wald verließen“. Wenn Sie Anfang der 80er geboren sind oder als Eltern Ihren Kindern Anfang der 90er Jahre erlaubt haben, die Zeichentrickserie im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu sehen, erinnern Sie sich vielleicht daran, wie waldbewohnende Wesen gemeinschaftlich versuchen, mit dem schwerwiegenden Thema der Vertreibung aus ihrem natürlichen Habitat umzugehen. Wir Menschen werden in den Episoden selten gezeigt und wenn, dann nur als gesichtslose Handlanger zerstörerischer Maschinen angedeutet. Die Auswirkungen der Industrialisierung und Flucht sind mehr als ein mulmiges Gefühl, sie sind schlimmer geworden.


In der Serie werden diese Themen noch, wie damals üblich, nicht überhöht dargestellt oder wie im Zeichentrickfilm „Watership Down / Unten am Fluss“ von 1972 religiös überfrachtet. In beiden werden übertragbare Parabeln und ein Gefälle zwischen knuddeliger Ästhetik und brutalen Schreckmomenten verwendet, um die Menschen durch die bewegenden Bilder nachhaltig zu prägen. „Als die Tiere den Wald verließen“ zeigt neben freundschaftlicher Loyalität, familiärer Identifikation und sich herzlich kümmernden Großeltern-Figuren: Verrat, auf Dornen gespießte Mäuse-Babies und überfahrene Igel … als Vorbote in einer sich abzeichnenden Krise des Anthropozän.


Schauen Sie mal mit diesem Blick auf die Bilder. Es ist nicht alles nur friedliches Disney-Abenteuerland. Was sollen die Motiv- und Blickbeziehungen bewirken, welche Stimmung wird im Bild transportiert, was ist (nicht) zu sehen, was fehlt, warum ist das eine neben dem anderen … was soll das?


Keine Sorge, es ist nicht nur Dystopie, sondern auch Utopie in den Bildern zu finden. Ich erwähnte ja die Leichtigkeit. Erstere liegt mir gemäß meinem biografischen Kontext nun mal näher als der vorangehenden Generation. Das andere ist nun mal der erwähnte Disney-Club-Bezug. Viele aus meiner Generation kennen diese Fülle an kindlichen Unterhaltungsangeboten – in angemessenem Rahmen würden wir heute sagen: sich einen Samstagmorgen darin suhlen. Es gab die Oma, die Micky-Mouse- und Spiderman-Hefte auf dem Flohmarkt kaufte, oder den Opa, der VHS-Kassetten mit Arielle der Meerjungfrau und den Glücksbärchies aufnahm. Das popkulturelle Leben begann mit ungefähr sieben Jahren und schien unerschöpflich, leicht und sich irgendwann spielerisch auf dem Computer fortzusetzen.


Vom Gestus möchte ich deshalb einen Übergang zur künstlerischen Technik schaffen, die für die Bildbedeutung wichtig wird: Durch einen Vergleich mit Max Ernst kommen wir dieser anhand der Collage und Abstraktion näher. Mit einem Blick auf das Werk von Michel Majerus erklärt sich der zeitgenössische Pop-Appeal, der etwas hingeschludert wirkt. Schauen wir auf Neo Rauch, wird klarer, wie sich der perspektivisch überlagernde Bildaufbau einordnen lässt … wie jedoch lässt sich die technische Ausführung bei Arthur Kraftschik inhaltlich begründen?


Zweite von 3 Perspektiven – Zeitgenössische Gebilde

Wenn heute Computerspielmusik im Hintergrund ertönt, wir meinen, Figuren aus Disneyland und allerlei anderen Comic-Welten zu erkennen, und die Werke wie ein Remix der Popkultur aussehen, sind wir genau bei der biografischen Eigenart gelandet, die sie auszeichnen: das, was sich aus dem dystopischen und utopischen herauskristallisiert und verinnerlicht hat. Einzelne mediale Aspekte werden weniger überhöht, sie werden einfach für das künstlerische Werk übernommen. Sie wirken nicht mehr surrealistisch wie bei Dalí, sondern entspringen dem Alltäglichen. Sie sind komplex, bergen klare Bezüge zu den letzten Dekaden, wobei sie gleichzeitig durch ihre poppige Präsenz in die Irre einer klaren Bedeutung führen … ähnlich unserem Leben in einem rekursiven medialen Kontext.


Die Sammlung aus Comics, Graffiti, angeschnittenen Figuren aus Magazinen und Fernsehen wirkt wie eine Dachbodensammlung einer selbstreferentiellen Postmoderne … alle kennen irgendwie Asterix & Co. So wie dort alles rum liegt, sich überdeckt, wird Überdauerndes neu zusammengepuzzelt. Begriffe wie Remix, Pattern oder Upcycling lassen sich hier anschließen (wenn man möchte). Die Collage wird aus reiner Konsequenz verwendet, um das Erlebte überhaupt darstellen zu können.


Werke: Arthur Kraftschik | Foto: AKF
Werke: Arthur Kraftschik | Foto: AKF

Intuitiv wird etwas gepuzzelt – nur um seiner selbst willen. In den Gemälden, Zeichnungen und Skizzen ist diese Spielweise frei. Die Serie der dreimal drei Bilder im Kleinformat setzt allerdings eine Regel für die Rekombination der ästhetischen Ordnung. Ein Rechenspiel, bei dem sich durch Anzahl der Bilder und deren Drehung unzählige Kombinationen ergeben. Ein Gedankenspiel des Künstlers, das darin frei und andererseits ästhetisch begrenzt zu sein scheint. Diese spielerische Varianz deutet immer etwas Bestimmtes an und sagt dennoch nichts Präzises aus. Manche Anordnungen passen besser als andere, einige gar nicht. Ich durfte es letztens selbst ausprobieren und musste mich überzeugen und korrigieren lassen. Ein anything-goes existiert nicht – wenn ich das anstatt dem Künstler machen würde, sieht es halt eher … bescheiden aus.


Es besteht die Hoffnung – vergleichbar mit dem allseits bekannten Zauberwürfel – irgendwann fertig zu werden. In den Sets aus drei mal drei lassen sich Motive wiederfinden, die vergrößert oder verkleinert auf anderen Bildern oder Skizzen auftauchen. Teilweise gibt es hierzu Begründungen, manchmal nur die einer iterativen Entwicklung. Die unfertigen Flächen, formvollendet geschwungene Linien, Ausschnitte werden explorativ erprobt. Einige Vollton-Flächen wirken mittig besser als links unten – verschieben, überprüfen, austauschen. Arthur Kraftschik findet überzeugendere Anordnungen.


Dieses Spiel lässt sich nun auf die Gemälde und Drucke übertragen. Meistens ist klar ersichtlich, wer oder was wohin sieht – der große Zusammenhang ergibt sich jedoch nicht. Absurde Kontexte, absurde Wesen, absurde Blickbeziehungen mit vermutlicher Bedeutung. Ein Wunsch des Künstlers. Wozu all dies aufklären, wenn es Spaß macht, sich selbst und den Beobachtenden bei ihren Blicken und ihrem Drang zuzusehen, eine Bedeutung zwischen Absicht und Zufall zu erklären. Arthur Kraftschik führt meist ein kleines Notizbuch mit sich, in dem sich Notizen finden wie: „Heute im Ausstellungsraum mit anderen eine Runde Dungeons and Dragons gespielt – ein kleiner Junge, den ich nicht kannte, saß mir gegenüber – er sah genau so aus wie der in meinem Bild, das hinter ihm an der Wand hing – wer hat ihn da hin gesetzt?“


Dritte von 3 Perspektiven – Kapitalistische Renitenz


Wenn ich einige der gerahmten Skizzen im Flur sehe und auf das Gemälde blicke, an dem oben eine Bodenleiste montiert wurde und ich weiß, dass einige der Werke beim Transport wahrscheinlich wieder grob fahrlässig Schaden genommen haben, kriege ich innerlich Lachanfälle … es tut mir auch nicht wirklich leid, wenn irgendwelche Vertragspartner und Versicherungsmenschen nun mit Herzschmerzen zu Boden gehen. Aber: Einige der Bilder lagen letzte Woche einfach ungerahmt auf dem Boden rum und sind ein bisschen dreckig geworden. Seien Sie froh, dass sich mal jemand traut, grob mit Bildern umzugehen. Es ist erleichternd entgegen der Überheblichkeit im Kunstbetrieb.


Werke: Arthur Kraftschik | Foto: AKF
Werke: Arthur Kraftschik | Foto: AKF

Werterhalt = Wertverfall. Werkveränderung = Wertveränderung. Wert entsteht hier gerade durch Veränderung und Prozess. Wie wird so etwas eigentlich für Originale festgelegt, die sich weiterentwickeln dürfen? Mal stehen die Kleinformate der Serie auf dem Boden, um spontan ausgetauscht zu werden, mal werden die kleinen in Plastiktaschen oder die großen unsachgemäß im Transporter umher kutschiert, dann wieder ausgebessert, um im White Cube angemessen zu erscheinen, um wieder im lehmstaubigen Atelier präsentiert zu werden, bevor sie gut verpackt woanders hin reisen und ihre Risse mitnehmen.


Wenn Ihnen heute ein Bild so gefällt, wie es ist, dann fragen Sie, ob Sie es „wie gesehen“ erwerben können. Es kann sonst sein, dass auch die Bilderzählung einfach geändert wird – wenn Sie Glück haben, passiert dies sogar während der Laufzeit. Vielleicht würde es Ihnen auch gar nicht auffallen, denn auch wenn hier und da etwas überschmiert aussieht, können Sie nicht sicher sein, an welchen Stellen gepfuscht oder so stilgetreu überarbeitet wurde, dass Sie es nicht merken.


Durchatmen. Wenn Sie sich hierzu noch einmal die Zeichnungen und radierten Drucke ansehen, erkennen Sie, dass der Wechsel zwischen grob und fein – gewollt und gekonnt ist. Absichtlich wirkt etwas wie Haarpinsel neben Wachsmaler. Perspektivische Schattensetzung neben weichzeichnendem Abrieb – das meiste soll genau so sein. Schauen Sie auch hier wieder besonders auf die Ausgestaltung der Gesichter und fühlen Sie dem Gestus der Körper nach. In der typischen Konkurrenz zwischen Farbe und Linie zeigt sich die Ausdrucksstärke beider Stilmittel Kraftschiks.


Für die Wertigkeit der Ausführung vergleichen Sie die minutiös wallenden Flächen mit den Stellen, wo etwas zu fehlen scheint – die Klarheit der Comic-Linien gegenüber Bildteilen mit farblichen Materialexperimenten. Stellen Sie detaillierte Ausschnitte einfachen Erzählbildern oder konkreten Flächen gegenüber, um den dynamischen Umfang der Bedeutungstiefe der Malerei zu erfahren – und Sie werden den Wert finden.



Mein Lieblingswerk ist, wie ich es nenne, „Der kopflose Schwanenritt vor Mosaik“. Vielleicht weil dort all das beschriebene zu finden ist: Wie sich die perspektivisch geordneten Pferdebeine in der Vollton-Fläche verlieren und das Hauptmotiv zu groß ist, um es mit einem Blick zu erfassen, es erst nach längerem Absuchen als unfertiges Wesen erkennbar wird, während es das eigentliche Bildmotiv überdeckt … es gibt sicherlich einen Anlass für das Rennen und ein Ziel, aber die Antwort finde ich in der Bildmitte, in der Falz zwischen den Bildhälften.


Die gleichzeitige Nicht-/Existenz einer Antwort in der Schwebe ist es, mit der ich das Bild gespannt ansehe und nach weiteren Details erkunde."


Im Atelier des Künstlers | Foto & Werk: Arthur Kraftschik
Im Atelier des Künstlers | Foto & Werk: Arthur Kraftschik

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